Mannestugend im Licht der Eucharistie
Mäßigkeit
"Die Begier soll unter dir sein, und du sollst über sie herrschen." (Gn 4,7)
In seinem ersten Brief an die Korinther hatte der hl. Paulus einen sehr üblen Mißbrauch zu rügen. Wenn damals die Christen sich des Nachts zur Kommunionfeier versammelten, so fand auch gleichzeitig ein Mahl der Gemeinde, besonders für die Armen statt. In Korinth kam es nun vor, daß die Reichen zwar reichlich Speise und Trank mitbrachten, aber nur für sich; sie waren trunken, während die Armen darben mußten. In diesem Zustand wollten sie das Abendmahl des Herrn feiern (11,17f.). Die Kirche hat solchen unglaublichen Mißständen dadurch vorgebeugt, daß sie beim Empfang der heiligen Kommunion strenge Nüchternheit verlangt. Diese Nüchternheit ist gleichsam die Vorbereitung unseres Körpers für die Eucharistie. Und wie nicht wenige Korinther durch ihre Unmäßigkeit unwürdig dieses Brot aßen und den Kelch des Herrn tranken und sich schwer versündigten am Leib und Blute des Herrn, so wollen wir durch die Tugend der Mäßigkeit Leib und Seele würdig machen für die göttliche Speise. Zum besseren Verständnis betrachten wir heute die Tugend der Mäßigkeit im Lichte der Eucharistie, und zwar in drei Punkten:
I. Sinn und Aufgabe der Mäßigkeit
II. Die Güter der Mäßigkeit
III. Die Wege zur Mäßigkeit
Der hl. Paulus ruft aus: Die Christus Jesus angehören, haben ihr Fleisch mit seinem Leidenschaften und Gelüsten ans Kreuz geschlagen (Gal 5,24). Gekreuzigter Herr Jesus, wir wollen dir angehören! Gib uns die Tugend der Mäßigkeit!
Sinn und Aufgabe der Mäßigkeit
Wenn man das Wort Mäßigkeit ausspricht, so denkt man fast ausschließlich an die Beherrschung in Speise und Trank, ja man denkt zumeist nur an die Maßhaltung im Trinken. Diese Wortdeutung ist viel zu eng. Die Tugend der Mäßigkeit will viel mehr. Sie will das rechte Maß im Genuß aller Sinnesfreuden, mitunter auch die völlige oder zeitweilige Enthaltung oder Abstinenz von bestimmten Sinnesfreuden. Die körperlich-sinnlichen Lustgefühle sind an sich erlaubt, ja sogar notwendig. Gott selbst hat an das Essen und Trinken, sowie an die erlaubte Hinneigung der beiden Geschlechter im heiligen Ehestand Freuden geknüpft. Aber diese gottgewollte Sinnenlust kann, wenn sie den gottgewollten Zweck vergißt, die Schranken brechen und entsetzliches Unheil anstiften. Ursprünglich war das nicht so. Im Paradies herrschte eine wunderbare Harmonie zwischen Körper und Seele, Fleisch und Geist. Adam und Eva aßen von den Früchten des Gartens ohne Übermaß, liebten einander, ohne die Herrschaft des Geistes zu verlieren. Erst die Sünde brachte den Riß in diese Harmonie, die Revolution des Fleisches gegen den Geist. Seitdem kann die Menschheit mit Paulus klagen: ich gewahre in meinen Gliedern ein anderes Gesetz, das dem Gesetz meines Geistes widerstreitet und mich gefangen hält unter dem Gesetze der Sünde, das in meinen Gliedern herrscht. Klagend ruft er aus: Ich unglücklicher Mensch! Wer wird mich erlösen von diesen todbringenden Leibe? Und er gibt darauf die tröstliche Antwort: die Gnade Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn (Röm 7,23 ff.).
Unter der Gnade Gottes dürfen wir hier besonders die Tugend der Mäßigkeit verstehen, die das Übermaß der Sinne in Schranken halten und wieder Ordnung schaffen soll. Der Mißbrauch der Sinnenfreuden in der Unmäßigkeit und Unkeuschheit bringt entsetzliches Unglück über die Welt. Zerrüttetes Familienglück, Verblödung, Verarmung sind ihre Folgen. Eine endlose Reihe von Spitälern, Zuchthäuser und Irrenhäuser, von frühzeitigen Gräbern und Massengräbern stehen an ihrer Straße. Unmäßigkeit und Unkeuschheit degenerieren ganze Völker und setzen sie mitsamt ihrer Kultur auf den Aussterbeetat. Da wird euch vielleicht eine leise Ahnung aufgehen, welche Aufgabe die christliche Tugend der Mäßigkeit hat. Das ganze Abendland, dem man nicht ohne Grund den Untergang prophezeit hat, könnte daran gesunden; doch geht eine solche weltpolitische Betrachtungsweise weit über den Rahmen unserer geistlichen Worte hinaus. Immerhin sollt ihr an die weltheilende Kraft dieser Tugend denken, wenn ihr die Mäßigkeit in euer Lebensprogramm aufnehmt.
Die Güter der Mäßigkeit
Welches sind nun die Güter der Mäßigkeit, durch die sich viele Tugend noch besonders empfiehlt? Wir nennen dreierlei, leibliche, geistige und ewige Güter.
Die Heilige Schrift stellt kurz und sachlich fest: wegen Unmäßigkeit sind schon viele gestorben; wer aber mäßig ist, verlängert sein Leben (Sir 38,34). Fast hat es die Kirche nicht mehr nötig, Mäßigkeit zu predigen. Die sogenannten Lebensreformer kämpfen oft mit Übereifer gegen den Genuß von Fleisch und Alkohol. Ihre Speisekarte ist etwa so streng wie der altchristliche Einsiedler in Ägypten und Syrien, die bei dieser harten und kärglichen Lebensweise steinalt wurden. Viele Ärzte verschreiben ihren Patienten strenge Diät, und es gibt weltbekannte Badeorte, wo überernährte Menschen durch teure Entfettungskuren wieder gesund werden wollen. Auch bei unseren Sportgrößen sind die strengen Enthaltungsvorschriften für Speise und Trank bekannt und noch bekannter ist die Tatsache, daß sich viele Frauen, die nichts besseres zu tun haben, täglich wiegen und heroisch fasten, um jugendliche Formen zu erhalten. Und nun ist dies alles aus rein irdischen, materialistischen Gründen. Als wahren Kern aber erkennen wir – und die Erfahrung bestätigt es – daß Mäßigkeit den Körper frisch erhält, vor Krankheiten schützt, die Gesundheit festigt, das Leben verlängert.
Wertvoller sind die geistigen Güter dieser Tugend. In der Präfation der Fastenheit besingt die Kirche diese Güter mit den Worten: Durch das körperliche Fasten unterdrückst du, o Gott, die Laster, erhebst den Geist, spendest Tugendkraft und Belohnung. – Schöner kann man den geistigen Wert der Mäßigkeit kaum umschreiben. Denn das ist ja die eigentliche Ordnung, daß das Geistige herrscht und das Körperliche dient; daß der Wille reagiert und das Triebleben in Schranken hält. Was Gotte einstens zu Kain sagte, gilt für alle Menschen: Die Begier soll unter dir sein, und du sollst sie herrschen (Gn 4,7). Wir werden die Tugend der Keuschheit noch in einer besonderen Betrachtung behandeln und beschränken uns deshalb heute mit dem Hinweis, daß der jüngere Tobias und sein ihm angetrautes Weib als echte Kinder der Heiligen die drei ersten Nächte betend zubrachten und sich so Gottes Segen sicherten (Tob 8). Da aber auch beim Nahrungstrieb die Sinne oft wieder alle Vernunft rebellisch werden, kann man die tiefe Weisheit der christlichen Sitte ermessen, wonach vor und nach dem Essen gebetet wird. Die Sinnesfreude bei Speise und Trank soll also zum Gottesdienst verklärt werden. Wiederum ist es der hl. Paulus, der uns gebietet: Ihr möget essen oder trinken oder etwas anderes tun, tut alles zur Ehre Gottes (1 Kor 10,31)! Wir begegnen im Leben so oft Menschen, die nur auf die Sinnenlust eingestellt sind, also auf Essen und Trinken und andere Dinge, die unter Heiligen nicht einmal genannt werden sollten (Eph 5,3); solche Menschen sind unfähig zu höheren Gedankengängen; sie gleichen eher den Tieren, die auch keine anderen Interessen haben. Erst die Mäßigkeit macht den Menschen zum Herrn der Erde, weil sie das Fleisch dem Geist unterwirft. Die Begier soll unter dir sein, und du sollst herrschen über sie!
Und nun die ewigen Güter der Mäßigkeit! Der hl. Hieronymus bemerkt einmal so schön; der Genuß verbotener Früchte hat uns eins aus dem Paradies vertrieben, die Mäßigkeit, die Enthaltsamkeit soll uns wieder dorthin zurückführen (Ep 22,10). Wohl zwingt uns diese Tugend oftmals dazu, an den Tischen irdischer Gastmähler die Letzten zu sein; dort drüben aber werden wir mit Christus zu Tische sitzen und mit ihm in seinem Reiche von jenen Speisen essen, mit denen Gott selbst sich nährt. – Sehr leicht läßt sich die Mäßigkeit in Speise und Trank mit der Nächstenliebe verbinden: was wir uns vom Munde absparen, das sollen wir in irgendeiner Form den Armen zukommen lassen; hätte der Reiche von seinem Tisch dem armen Lazarus auch nur das Notwendigste zugewendet, er wäre nie in der Hölle begraben worden. Aber seine Unmäßigkeit hat ihn verhärtet gegen die Not der Armen; hat ihn verblendet und um den Himmel betrogen.
Die Wege zur Mäßigkeit
Und nun wollen wir mit guten Willen und aller Entschiedenheit die Weg zur Mäßigkeit gehen!
Die Kirche ist dabei unser Lehrmeister. Von ihren geweihten Priestern verlangt sie im Zölibat das volle Opfer der Enthaltsamkeit. Das soll zugleich an die ganze Welt ein eindringlicher Ruf sein, in der standesgemäßen Keuschheit willig Opfer zu bringen. Von den Ordensleuten nimmt die Kirche das Gelübde der Jungfräulichkeit entgegen und sanktioniert ihre oft sehr strengen Regeln. So essen z.B. die Trappisten und Karmeliten niemals Fleisch. Wenn wir an solche Opfer denken, wird uns das Freitagsgebot sicher erträglicher werden, oder wenn sonst das Kirchengebot und noch häufiger die Lebensnot Enthaltung von Fleischspeisen gebietet, nur einmalige Sättigung und selbst diese nicht immer gestattet. Aber auch sonst wäre oft Gelegenheit, aus freien Stücken Mäßigkeit zu üben, also nicht so lange zu schlafen, nicht so weich zu liegen, sich nicht so weichlich zu kleiden, nicht gar so viele Anforderungen zu stellen, bei körperlicher Unbehaglichkeit uns lästigen Situationen nicht gar so empfindlich zu sein, im Aufstehen und Arbeiten eine feste Ordnung einzuhalten, unnützen Zeitvertreib zu meiden, gefährliche Vergnügungen zu unterlassen, Zunge und Augen zu beherrschen, auf einen erlaubten Genuß, und wäre es auch die geliebte Zigarre, zweitweise zu verzichten; kurz, in allem sich selbst zu beherrschen und Maß zu halten.
Was hat alles mit Eucharistie zu tun? Meine lieben geneigten Leser, wie wir nüchtern sein müssen und nicht das Geringste genießen durften, wenn wir jetzt diese himmlische Speise empfangen wollen, so müssen wir allzeit und in vieler Art mäßig sein, soll Jesus in uns bleiben. Denn die Eucharistie ist nichts anderes als der geopferte Leib unseres Herrn. Also der Leib dessen, der in ärmsten und kärglichsten Verhältnissen herangewachsen ist. Der Leib dessen, der von Ewigkeit her beim Vater alles inne hatte, der sich aber alles dessen entäußerte und Knechtsgestalt annahm, der hungerte und dürstete, nächtelang betend auf den Schlaf verzichtete. Am Ende seines irdischen Lebens setzt er dies Denkmal seiner Liebe als immerwährendes Opfer ein. Wenn wir seinen heiligen Leib als Opferspeise empfangen, wird unser Leib auch immer mehr zum Opferleib umgestaltet und die Kraft erhalten, das oft so stürmische Begehren der Sinne zu beherrschen und dem Herzen Jesu immer gleichförmiger zu werden. Wer oft dem Tische des Herrn naht, dem vergeht allmählich der Geschmack an den gefährlichen Gastmählern der Welt. Dem geht langsam der Sinn für die Tugend der Mäßigkeit auf, weil er mit Paulus die beglückende Erfahrung macht: ich lebe, und doch nicht mehr ich, sondern Christus, der die Welt und das Fleisch überwunden, Christus der Sieger lebt in mir!
Ohne ihn, ohne seine Gnade sind wir an die Leidenschaften unseres Herzens hingegeben; ohne ihn können wir nichts tun. Mit ihm aber sind wir zur Herrschaft berufen, auch zur Herrschaft über die Sinne, zur Herrschaft über die Begier. Die Begier zum Bösen soll unter dir sein und du sollst über sie herrschen.
Amen.
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