Niederschrift der Predigt von Pfarrer Milch
2. Weihnachtsfeiertag 1985
Meine lieben Brüder und Schwestern,
es gibt für nichts in der Welt so viel Argumente wie die, welche Feigheit und Nachgiebigkeit nachträglich produzieren. In Massen gibt es da Rechtfertigungen, Selbstrechtfertigungen, aber es sind alles Selbsttäuschungen – oft logisch, haarklein – aber falsch. Ich erinnere mich an ein Zitat, das Burkhard in seinem Buch "Meine Danziger Mission" wiedergibt. Der italienische Botschafter in Berlin hat folgenden weisen Ausspruch getan angesichts der Diktaturen, angesichts des totalitären Regimes in Deutschland und hat wunderbare Argumente der Feigheit damit geliefert. Er sagte: "Sehen Sie, die da Widerstand leisten und sich töten lassen, gehen den bequemen Weg. Viel heroischer ist es, mitzumachen und zu vermeiden, zu vermeiden, zu vermeiden, das Schlimmere zu verhüten." Mittendrin, immer "JA" und "AMEN" sagend und so durch die Hintertür den retten, jenen retten. Die so sich ihre Feigheit vor sich selber bestätigen wollten durch rechtschaffene Beweise: was haben die denn an Schlimmerem verhütet? – Gar nichts! Die Feigheit hat immer solche Gedanken. Oder z.B.: "Man muß alles, was so an Unbill, Ungerechtigkeit, Gemeinheit, Irrtum, Verwüstung der Seelen, was so in der Welt an Bösem geschieht, das muß man still erleiden und ertragen. Nur keinen Widerstand leisten. Mitmarschieren und das Beste aus allem herausholen. Denn Christus habe es ja genauso getan. Gegen Ende Seiner Laufbahn sei Er immer stiller geworden, habe die Polemik aufgegeben, bis Er schließlich Sein höchstes Werk vollendet habe im Schweigen des Kreuzestodes. Und so sollte auch der Mensch nichts unternehmen gegen etwas, sondern immer nur für etwas. Und so sei er ein stiller Dulder mitten darinnen." Wie doch die Feigheit sich so schön verbrämen kann.
Selbstverständlich ist das gar kein stilles Dulden, sondern die Feigen haben immer eine höchst vergnügliche Gesellschaft. Sie sind nie allein. Da ist keine Einsamkeit. Einsamkeit ist nur bei denen, die Widerstand leisten. Und es ist eben ganz und gar nicht wahr, daß Christus gegen Ende Seiner Laufbahn immer mehr ins Schweigen gefallen wäre. Das Gegenteil stimmt! Gegen Ende seiner Laufbahn wurde Seine Aggressivität immer stärker. Man lese nur Seine Streitgespräche mit den Juden, wie Er ihnen begegnet, entgegnet, mit welchen harten Invektiven Er ihnen kommt: "Euer Vater ist der Teufel." – "Wie kann man nur so reden, so unvornehm, so gar nicht kommunikativ. Er hätte sich mit Ihnen doch auf einer Ebene ruhigen Gespräches finden sollen." – Er hat im Traum nicht daran gedacht. Er hat ihnen gesagt, was ist, ob gelegen oder ungelegen. Er hat gar nicht nach Gunst oder Ungunst der Umstände gefragt, sondern nur nach dem, was wahr ist, und hat denen, die es hören sollten, mit äußerster Entschiedenheit gesagt, welchen Irrweg sie gehen und wie borniert sie sind in ihrem Hochmut und in ihrer Verstocktheit. Und eben deswegen wurde Er gekreuzigt. Und als Er gekreuzigt wurde, hat Er auch nicht klein beigegeben und Seine Schuld bekannt und Sich an die Brust geklopft und ein Schuldgeständnis unter der Folter unterschrieben, sondern hoch erhobenen Hauptes, majestätischen Schweigens voll erlitt Er die Konsequenzen Seines Widerstandes.
Etwas ganz anderes ist Sein viel mißbrauchtes, viel zitiertes, mißverstandenes Wort, welches in ganz anderem Zusammenhang zu sehen ist: "Leistet dem Bösen keinen Widerstand." Damit ist gemeint: Wenn ich einen Menschen durch das Erdulden dessen, was er mir zufügt, heilen kann, dann bin ich da zu heilen verpflichtet, ihm auch noch die linke Wange hinzuhalten, wenn er meine rechte geschlagen hat, und zwei Meilen mit ihm zu gehen, wenn er mich zwingt, eine Meile zu gehen, und ihm zwei Röcke zu geben, wenn er mich veranlaßt, einen Rock zu geben. Das ist der Hinweis darauf, daß ich in der Behandlung der Menschen nicht an mein Recht, an mein persönliches Recht denken soll, sondern an das Heil des anderen und gegebenenfalls dann auch bereit sein muß, auf den Gebrauch meines Rechtes zu verzichten. Das ist etwas ganz anderes und bezieht sich auf das Verhältnis von Mensch zu Mensch. Wenn es aber um die Wahrheit geht und darum, denen zu begegnen, die der Wahrheit widersprechen und die Menschen in die Irre führen, da gilt Kampf, Kampf absolut, gelegen oder ungelegen. Wie der hl. Paulus dem Timotheus sagt: "Tritt auf, verkünde das Wort, sei es gelegen oder ungelegen." Der eine fragt: "Was kommt danach?" Der rechnet sich aus passiert, wen ich das und das tue. Der andere fragt: "Was ist recht?" Und also unterscheidet sich der Herr vom Knecht.
Die Demut, die der Herr lehrt, ist gerade das Gegenteil von Knechtsinn und Selbsterniedrigung, Selbsterniedrigung, Speichelleckerei, Radfahrerei, gekrümmter Rücken, Duckmäusertum, Muckertum sind das absolute Gegenteil zur Demut. Demut empfängt heilige Legitimität, unverdienterweise. Demut weiß: Was ich empfange, verdiene ich nicht. Aber nun, da ich es empfangen habe und da es mein ist, wäre ich sehr undankbar, wenn ich nicht erhobenen Hauptes meinen neuen erworbenen Rang, die königliche Majestät meines Erlöstseins bekennen würde. Ich stehe da, und wenn Millionen gegen mich sind, ich halte ihnen entgegnen: Mögt Ihr denken und tun, was Ihr wollt. Tut Ihr das Eure. Tut Ihr meinetwegen das ärgste. Ich werde mein Bestes tun. Ich bin ich." – "Was bildest Du dir ein", heißt die Antwort. "Willst Du gescheiter sein als Millionen?" – "Ich will gar nichts. Aber ich habe die Wahrheit erhalten, und der Wahrheit bin ich verpflichtet. Und ich kenne keine andere Pflicht, kein anderes Wahrzeichen und kein anderes Gesetz als die Wahrheit! Und gegenüber noch irgendetwas – die Wahrheit, aus! Wer sich so mit der Wahrheit ineins setzt, der ist des Reiches Gottes würdig und sich selber Schicksal und ist eben Schicksal, was ein großer Geist des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts sagte: "Es ist so wenig Schicksal in Euren Augen", an die jungen Menschen gewandt, zuwenig Unbedingtheit. Sich selber unwiderruflich festlegen, die Brücken hinter sich verbrennen: "Ich habe mich verschworen auf Gedeih und Verderb. Ich bin nicht zu verwechseln. Mein Dasein ist eins mit der Wahrheit, die ich empfangen habe."
Das ist das Wesen des Martyrers. Stephanus war ein genialer Mensch mit gewaltiger Begabung, von großer Weisheit. – Hätte er doch nicht ein bißchen gemäßigter reden sollen? Hätte er doch ein bißchen diplomatischer sein sollen. Was hat er doch verscherzt? Das hätte er doch alles wirken können. Warum mußte er denn so auftrumpfen und aufbrausen: "Ihr Halsstarrigen! Ihr Unbeschnittenen an Herz und Seele und Geist." – Er hat sie tödlich gekränkt. Er hat ihren bösen Irrtum frontal angegriffen, ihre Position, die sich gegen Gott erhob. Das ist ja die Position des Pharisäers: Er will mit Gott handeln und will Gott das Seine vorweisen, um sich im Angesicht Gottes aus Eigenem zu rechtfertigen im Gegensatz zu den Israels. Und das sagt er ihnen ins Gesicht. Und das verzeihen sie ihm nicht. Tödlicher Haß schlägt ihm entgegen, und sie steinigen ihn.
Das ist das Gesetz, unter dem der steht, der sich Christus verschworen hat. Da gibt es kein "Vorläufig" und "Erst mal", kein Komma, kein "Wenn" und kein "Aber" und keine Klugheit – die berühmte falsche Klugheit. Feigheit hat sich noch immer mit Klugheit drapiert und mit Klugheit entschuldigt. " Wir müssen erst mal abwarten und langsam machen. Später kann ich ja mal hervortreten. Ich muß erst mal sehen, daß ich Soundso weit komme." Das ist nicht gestattet. – Oder: "Ich muß das Schlimmste verhüten. Ich muß an meine Familie denken. Ich muß ja meine Kräfte aufsparen und vorbehalten für eine künftige Zeit. Ich muß ja den Menschen das vorweisen, was in mir ist. Ich muß mit meinen Pfunden wuchern. Ich kann mich ja nicht der Vernichtung aussetzen. Was wird dadurch der Menschheit alles genommen, wenn ich es tue?" und wie all der schönen Argumente mehr sind. So ging es immer in harten totalitären Zeiten zu: Schlimmeres verhüten, an Familie denken und sich aufsparen für eine bessere Zukunft.
Alles Selbsttäuschungen. So lügt sich der Feige in die Tasche! Die Zukunft aber wird gestaltet durch Opfernde. Das Opfer ist das, was den Boden der Zukunft bereitet. Der sich opfernde Mensch, das ist der, aus dem Zukunft entsteht. Er leuchtet in seiner ganzen Schönheit. Der Todbereite wird erst schön. Schön ist das Antlitz dessen, der dem Tod ins Auge schaut. Ein berühmter Staatsmann hat einmal gesagt: "Ehre denen, die dem Schicksal des Opfers. Wie ist das doch unserer Zeit so fremd geworden, so tief fremd. 'Leben und leben lassen. Man lebt nur einmal. Man muß ja das Leben genießen. Man kann ja schon religiös sein – so ist das ja nicht –, aber nicht zuviel. Von allem ein bißchen. Man ist ja schließlich kein Fanatiker. Man muß ja auf dem Teppich bleiben. Allzuviel ist ungesund! Man muß sich arrangieren. Die anderen sind ja noch viel schlechter. Immerhin halte ich ja daran noch fest, soll man doch froh sein. Und im großen und ganzen kann ich mit mir ja auch zufrieden sein.' – Und so plätschert die heutige Masse daher. Und eine daherplätschernde, faulige, versudelte Masse ist schon immer die Vorbereitung schrecklicher Katastrophen gewesen.
Opferbereite bauen die Zukunft, sind Feuerzeichen, Feuersäulen, nach denen sich künftige Geschlechter richten können, von denen sie ihre Kraft holen. Stephanus hat diesen Weg gewählt, voller Genialität und Kraft, in jugendlicher Fülle, vital – und stirbt. Er wählt den gesegneten, heiligen Tod. Er wählt den Untergang. Man denke da an Ignatius von Antiochien, einen seiner herrlichsten Nachfolger, diesen Heiligen, der in Ketten liegt auf dem Schiff, das sie nach Rom bringt. Dort soll er den wilden Tieren vorgesetzt werden. In Rom bemüht man sich um Begnadigung. Und er schreibt ängstliche Briefe nach Rom, panische Briefe. Nicht etwa: "Seht ja zu, daß ich begnadigt werde", sondern im Gegenteil. Er hat panische Angst davor, begnadigt zu werden. "Warum beraubt ihr mich meines höchsten Glückes? Weizen Christi bin ich. Der Bestien zermalmenden Zähne sollen mich mahlen, damit ich Christi reines Brot werde!"
Das sind so Töne aus stärkeren Zeiten, aus Zeiten, wo man um das Opfer wußte. Heute ist das Opfer – auch offiziell – suspekt. Es wird denunziert als etwas Fanatisches, Lebensfeindliches. Da redet man überall miteinander. Und es wird soviel miteinander geredet, daß es einem wahrlich schlecht wird. Und nachdem man mal wieder im "Hornberg" zusammengekommen ist, wird gesagt: " Nun es ist doch immerhin schon ein Erfolg, daß man doch miteinander geredet hat." – Eine Gesellschaft, die sich mit derlei schwachsinnigen Maßstäben begnügt, ist in der Tat reif zum Untergang. Das müssen wir bedenken. Die Bewunderung eines Stephanus genügt nicht; als wäre das etwas, was wir aus vergangenen Zeiten so halb interessiert registrieren, weil er immerhin ein Märtyrer war: "Gott sei Dank brauchen wir keine Märtyrer mehr zu sein." – Wirklich nicht? Das kann morgen schon anders sein. Und die Bereitschaft, auf Tod und Leben Christus zu gehören, muß eingeübt werden, ganz konkret. Das ist das Wesen des Christen. Denn er ist auf den Tod hin getauft. Christen sind Todgeweihte und Todbereite und nicht zum halb und halben Kribbelkram irdischen Geplätschers freigegeben. Dazu ist der Getaufte nicht freigegeben. Das muß gewußt werden.
Stephanus hat seinen Feinden verziehen wie Christus: "Herr, rechne ihnen das nicht zur Sünde an." Das ist es eben: Sich selber in Christus wahren. Wenn er sich mit Christus und mit der gottmenschlichen Wahrheit ineins setzt, hat er schon die Grenze überschritten. Er ist schon in sich jenseits des Jordans. Und von daher hat er die große, souveräne Ruhe, unangreifbar. Er befindet sich in absoluter Sicherheit. Und von daher kann er dem Chaos, dem Untergang ins Auge schauen. Und der Christ ist keiner, der sich immer optimistisch etwas vormacht: "Halb so schlimm. Es gibt ja auch Gutes. Ihr müßt auch das Gute sehen" – so diese beschwichtigende Sicht der Dinge. Um so schlimmer, wenn es auch Gutes gibt, wenn es eingebunden ist ins Unheil! Selbstverständlich gibt es im offiziellen Raum der Kirche heute auch Gutes. Das ist ja gerade das Schlimme! Denn das kommt hinter ein falsches Vorzeichen.
Stephanus schaut also illusionslos in den Abgrund und sendet in diesen Abgrund das Licht, das ihn erfüllt. Das ist ein harter Dienst, ein herrlicher Dienst. Das heißt: "Rechne ihnen dies nicht als Sünde an. Vergib ihnen, sie wissen nicht was sie tun." Das ist die große Liebe, eine starke, "JA"-sagende, lichtspendende Liebe, die im Opfer steht, groß, erhobenen Hauptes. So müssen wir Christus sehen, so müssen wir die Märtyrer sehen. "No surrender" – nicht nachgeben, keine Übergabe – um keinen Preis. AMEN.
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